Real ist immer noch die Unvernunft

Die Umwelt ist zu wichtig, um sie dem einen Prozent Superreicher zu überlassen, mahnt Milo Probst

zuerst erschienen in: nd, 6. Januar 2022

Der Klimawandel ist seit einiger Zeit endlich auch im linken Lager angekommen. Die jüngst hochgekochte Diskussion um die personelle Besetzung des Themenfeldes in der Linksfraktion ist ein gutes Beispiel dafür. Was nützen soziale und emanzipatorische Kämpfe, wenn der Planet in absehbarer Zeit nicht mehr bewohnbar sein wird? Die soziale Frage kann man folglich nicht ohne die ökologische lösen. Umgekehrt gilt das Gleiche, denn eine ökologische Politik gegen die Lebenswirklichkeit der Ausgebeuteten, Lohnabhängigen und Unterdrückten wird keinen Erfolg …

Mit Gert Prokop zum »Olymp – Hauptbahnhof« Über ein Relikt des dystopischen Kapitalismus im 27. Jahrhundert

Dieser Essay wurde im Rahmen des Projekts Calculating Control komissioniert und erschien zuerst am 4.8.2021 auf der Website des Zentrums für Netzkunst Berlin.

»Man hockt in seinen vier Wänden, braucht sich überhaupt nicht mehr vom Fleck zu rühren: Geschäfte und Einkauf, Börse und Arbeitsmarkt, schon ein Großteil der Arbeit selbst, Informationen, Bildung, Entspannung, alles via Bildschirm, sogar Sex und Partnervermittlung. Irgendwann hört man auf, die anderen wenigstens noch per Communicator zu besuchen, und lebt mit den Welten, die die Videowände so bereitwillig ins Haus senden.«1
So beschrieb Gert Prokop vor vierzig Jahren die Zukunft am Ende des 21. Jahrhunderts. Es …

Endzeit-Futurismus

Zuerst erschienen am 24.06.2021 auf Jacobin.de

Gert Prokop zählte zu den beliebtesten Sci-Fi-Autoren der DDR. Heute ist sein Werk weitgehend in Vergessenheit geraten. Dabei ist seine dystopische Vision des Spätkapitalismus erschreckend aktuell.

Science Fiction aus der DDR ist zweifelsfrei nerdig. Während im Westen die Raumpatrouille Orion und das Raumschiff Enterprise ferne Welten entdeckten, Star Wars die Kino- und Merchandise-Kassen klingeln ließ, Mad Max und der Terminator Zukunftsängste personifizierten und Perry Rhodan die Bahnhofsbuchhandlungen füllte, träumte man im Osten von der kommunistischen Zukunft. Könnte man meinen.

Doch ganz so monoton war es in der ostdeutschen Phantastik dann doch nicht. Ziemlich genau …

Öko-Leninismus 2.0

Sozialistische Staatsmacht und Nullwachstum als Lösung der Klimakrise? Was der Marxist Andreas Malm vorschlägt, hat Wolfgang Harich vor fast 50 Jahren in der DDR schon skizziert.

in: neues deutschland, 10./11. April 2021, S. 18

Auf dem VIII. Gesamtrussischen Sowjetkongress gab Wladimir Iljitsch Lenin im Jahr 1920 die Losung aus: »Kommunismus – das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes.« Für ihn waren zwei Faktoren von zentraler Wichtigkeit: Die Verfügung über den Staat und die rasche Elektrifizierung des bis dahin rückständigen Russlands. Lenin setzte dabei auf eine umfassende nachholende Industrialisierung – somit verwundert es zunächst, wenn radikale Klimaschützer heutzutage für einen …

Ökologische Planwirtschaft bei Harich, Bahro, Havemann – und Malm

Inga Jacobsen & Alexander Amberger: Ökologische Planwirtschaft bei Harich, Bahro, Havemann — und Malm, in: Timo Daum & Sabine Nuss (Hrsg.): Die unsichtbare Hand des Plans. Koordination und Kalkül im digitalen Kapitalismus, Karl Dietz Verlag Berlin, S. 76–90.

LESEPROBE:

I
Auf die ökologischen Folgeschäden ungebremsten wirtschaftlichen Wachstums hinzuweisen ist kein neues Phänomen. Bereits im 18. Jahrhundert plädierte Hans Carl von Carlowitz in der »Sylvicultura oeconomica« für ein verantwortungsvolles Handeln in der Forstwirtschaft, um den Raubbau in den Wäldern einzudämmen. Im 19. Jahrhundert finden sich dann kapitalismuskritische ökologische Mahnungen sowohl bei Marx und Engels als auch in modernisierungskritischen Utopien wie »Walden« …